Wird Stichtag für Abgeltungssteuer vorgezogen?

Im Mai setzte der Gesetzgeber plötzlich für bestimmte Zertifikate als Stichtag für die Abgeltungssteuer rückwirkend den 14. März 2007 fest.In Frankfurt befürchten daher viele, dass die Branche mit ihrer Werbung in Berlin schlafende Politiker weckt.

Warum kostet wildes Wechseln bald 25 Prozent?“ In großformatigen Anzeigen fragte dies kürzlich eine der größten Fondsgesellschaften, Franklin Templeton Investments. Die Politik war bewusst großzügig. Wer also Aktien oder Fonds vor 2009 kauft, kann diese noch Jahre später steuerfrei verkaufen.

Marketingspezialisten zeigen auf?

Ein Beispiel: Angenommen, ein Anleger investierte heute 100.000 Euro und dieses Geld verzinste sich mit sieben Prozent im Jahr. Dann würden daraus in 20 Jahren 387.000 Euro, rechnete der Fondsmanager Andreas Beys von Sauren Fonds-Service aus. Wer die gleiche Summe dagegen 2009 investierte, zahlte im Laufe von 20 Jahren mehr als 67.000 Euro Abgeltungssteuer. Das Vermögen würde zudem nur auf 274.000 Euro wachsen - das sind mehr als 100.000 Euro weniger.

Solche Rechnungen überzeugen Anleger, werden aber auch kritisch gesehen. Die Verbreitung dieser Botschaften, kritisiert Sven Zeller, Partner bei der großen Rechtsanwaltskanzlei Clifford Chance. „Das ist nicht gerade ein gutes Beispiel für politisches Geschick.“

Die Gefahr, schlafende Politiker zu wecken

So etwas müsse unweigerlich den Staat herausfordern. Im Mai setzte der Gesetzgeber plötzlich für bestimmte Zertifikate als Stichtag für die Abgeltungssteuer rückwirkend den 14. März 2007 fest. „Auch hier wäre Schweigen Gold gewesen“, sagt Zeller mit Blick auf Steuerschlussverkaufaktionen.

In Frankfurt befürchten daher viele, dass die Branche mit ihrer Werbung in Berlin schlafende Politiker weckt. Denn: Wenn alle Anleger die Umgehungschancen bis Ende 2008 nutzen würden, wäre das ein prima Geschäft für die Finanzbranche. Doch der Fiskus ginge mit seiner neuen Steuer so gut wie leer aus. Dann könnte die Abgeltungssteuer, die noch gar nicht gilt, auch gleich wieder abgeschafft werden.

Gerüchte um eine Nacht-und-Nebel-Aktion

Ist das im Sinne des Staates? Nein, antworten Vermögensverwalter. Deshalb halten sich seit Wochen auch hartnäckig Gerüchte, die Abgeltungssteuer könnte noch einmal verschärft werden - durch einen vorgezogenen Stichtag. Manche glauben, dies könnte in einer Nacht-und-Nebel-Aktion schon am kommenden Mittwoch passieren, wenn der Finanzausschuss des Bundestags tagt. Andere blicken auf die Bundestagssitzungen am 7. und 9. November, wenn das Steueränderungsgesetz verabschiedet werden soll.

Offiziell dementiert das Finanzministerium

Der Fondsverband BVI verwies in einer öffentlichen Anhörung am 10. Oktober auf die „Grundsätze des Vertrauensschutzes“. Das Finanzministerium dementierte auf Anfrage offiziell: Die Abgeltungssteuer sei beschlossen. Es gibt keinen Antrag, da etwas zu ändern“, sagte ein Sprecher von Finanzminister Steinbrück.

Dennoch beobachten die Beamten des Ministeriums die Reaktion der Branche genau. Ob die Politik gegebenenfalls „nachjustiere“, war nach allem, was aus dem Ministerium zu hören ist, bis zum Wochenende aber noch offen.

 

 Wer früh handelt, hat nichts zu verlieren

Vermögende reagieren dennoch bereits massiv. Selbst wenn die Basis der Gerüchte als schwach eingeschätzt wird, empfehlen Vermögensverwalter wie Thomas Grüner ihren Kunden schon heute zu handeln. Falls der Stichtag nicht vorgezogen würde, wäre nichts verloren, so das Argument.

Man hätte ja im Zweifel nichts falsch gemacht und könne Ende 2008 noch einmal sein Depot umschichten - steuerfrei. Das Thema ist heikel, viele wollen sich in Frankfurt gar nicht äußern. Kein Blatt vor den Mund nimmt dagegen der Vermögensverwalter Hendrik Leber: „Derzeit werden Milliardensummen verschoben - wegen der Angst vor einem früheren Stichtag für die geplante Abgeltungssteuer“, schätzt er. Auch privat richtet er sich darauf ein, weil er dem Staat in Steuerdingen inzwischen fast alles zutraut.

Gerüchteweise bereiten sich auch die Banken darauf vor, dass die Abgeltungssteuer früher kommt als offiziell geplant. Hinter vorgehaltener Hand fallen die Namen so gut wie aller bekannten großen Kreditinstitute.

(Auszug, Quelle: faz.net)